Phonetik (Thema 2.1): Melodisierung

Erklärungen und wichtige Regeln

Gesprochene Sprache hat eine Melodie – ähnlich wie die Musik. Das heißt: Während man spricht, bewegt sich die Stimme nach oben und nach unten.

Besonders auffällig ist die Melodie:

  • bei betonten Silben in betonten Wörtern (vgl. Thema 1: Akzentuierung)
  • am Ende von Äußerungen und Sätzen.

An diesen Stellen geht sie im Deutschen oft besonders stark nach oben oder unten.

_ _ _ _ _ _ _ _
Ich habe eine neue Wohnung. ↘

Audio

_ _ _ _ _ _ _ _ _
Du hast eine neue Wohnung? ↗

Audio

Der Melodieverlauf (besonders am Ende von Äußerungen und Sätzen) ist wichtig für die Bedeutung der Äußerung. Daran erkennt der Gesprächspartner, wie das Gesagte gemeint ist.

Regeln

(1) Die Melodie fällt :

  • in normalen Aussagen:

  • in Aufforderungen/ Imperativen:

Kauf dir doch endlich einen Schreibtisch!

  • in Fragen mit Fragewort (wenn man neutral spricht):

Wann ist die Wohnung frei?

  • wenn man ärgerlich ist:

Wo warst du denn gestern Abend?

  • wenn man besonders sachlich-neutral oder nachdrücklich spricht und sehr sicher und kompetent wirken möchte, z.B. in einem Referat:

Ich möchte Ihnen das an einem Beispiel erklären.

Wichtig!

  • Wenn die Melodie am Äußerungsende fällt, liegt die akzentuierte Silbe oft höher als die anderen Silben.
  • Die Melodie fällt am Äußerungsende oft besonders tief. Deshalb klingt das Deutsche vielleicht für manche Ohren etwas unfreundlich, obwohl das meistens gar nicht unfreundlich gemeint ist.

(2) Die Melodie steigt

  • in Entscheidungsfragen (ohne Fragewort/ Ja-Nein-Fragen):

Freust du dich über die neue Wohnung?

  • in (erstaunten) Nachfragen:

Du hast eine neue Wohnung?

  • in höflichen Äußerungen:

Kommen Sie doch bitte rein.

  • in höflichen Fragen mit Fragewort:

Wichtig!

  • Wenn die Melodie am Ende ansteigt, liegt die akzentuierte Silbe meistens tiefer als die anderen Silben.
  • Besonders höfliche Äußerungen werden meist mit steigender Melodie am Ende oder insgesamt mit sehr bewegter Melodie gesprochen.

Nehmen Sie doch bitte Platz.

(3) Die Melodie bleibt (fast) gleich :

  • wenn man bei Kommas und zwischen Satzteilen eine kurze Pause macht (also bei nicht abgeschlossenen Äußerungen):

Meine Wohnung hat ein großes Zimmer, eine kleine Küche und ein Bad.

  • wenn man unsicher und unentschlossen wirkt:

Wo ist denn der Haustürschlüssel …

Ich habe eine neue Wohnung ...

Wo warst du denn gestern Abend ...

(4) Die Melodie am Ende von Äußerungen kann die Bedeutung ändern

Du hast eine neue Wohnung! ↘ (Aussage)

Du hast eine neue Wohnung? (Frage)

Tipps zur Realisierung der Melodie (vgl. Video)

  • Machen Sie zuerst alle Übungen zur Akzentuierung und zum Rhythmus und befolgen Sie die dort gegebenen Tipps (vgl. Thema 1) – dadurch erlernen Sie die richtige Melodisierung zum Teil automatisch.
  • Üben Sie besonders die stark fallende Melodie. Stellen Sie sich dabei Situationen vor, in denen Sie besonders nachdrücklich und energisch auftreten.
  • Unterstützen Sie die Melodie durch Gesten – nicken Sie bei fallender Melodie mit dem Kopf, machen Sie eine Abwärtsbewegung mit der Hand o.ä.
  • Achten Sie in alltäglichen Situationen darauf, ob Ihre Gesprächspartner häufig mit steigender Melodie sprechen – dann sind sie meist höflich und freundlich
  • Benutzen Sie im Alltag (z.B. wenn Sie eine Bitte an jemanden haben) eine höfliche, ansteigende Melodie.

Erstellt von Kerstin Reinke, Herder-Institut (Universität Leipzig)

Zuletzt geändert: Montag, 12. Mai 2014, 12:54