Phonetik (Thema 10): Dialekte

Überblick

Die deutsche Sprache ist eine Sprache mit vielen Varietäten und Varianten. Bisher haben Sie in den ersten neun Lektionen eine der wichtigsten Varietäten kennengelernt: die deutsche Standardaussprache. Sie wird in Deutschland überall verstanden und von allen akzeptiert. Man kann sie vor allem in den Medien (Rundfunk, Fernsehen) hören und sie wird in Institutionen (Schule, Universität) gelehrt. Auch wer Deutsch als Fremdsprache lernt, erwirbt die Standardaussprache.

Neben der deutschen Standardaussprache – genauer gesagt: der Standardaussprache in Deutschland gibt es zwei weitere Standardvarietäten, die in den anderen beiden deutschsprachigen Ländern gesprochen werden:

  • Österreichisches Deutsch:
Hier hören sie einen Beitrag im Österreichischem Deutsch Link: http://www.dw-world.de
  • Schweizer Deutsch (gesprochen in der deutschsprachigen Schweiz):
Hier hören Sie einen Beitrag in Schweizer Deutsch Link: http://schweizerdeutsch.kaywa.ch/dialoge/

Neben der Standardaussprache gibt es in allen drei Ländern noch eine große Anzahl regionaler Aussprachevarietäten: die Dialekte. Hier geben wir Ihnen einen kleinen Überblick über die Dialekte Deutschlands.

In Deutschland gibt es über 20 große Dialektgebiete. Jedes große Gebiet teilt sich noch in mehrere weitere kleine Dialektgebiete. Das bedeutet, dass die Menschen in fast jedem Ort ein wenig anders sprechen. Allerdings verschwinden die reinen Dialekte immer mehr und man hört stattdessen nur noch eine regional gefärbte Umgangssprache. Daran erkennt man zwar, aus welchem Gebiet Deutschlands die Menschen kommen. Aber die Menschen können sich untereinander besser verstehen.

Für Sie bedeutet das, dass Sie üben müssen, die Menschen in den einzelnen Gebieten Deutschlands zu verstehen. Sprechen sollten Sie allerdings den Standard, da er – wie gesagt - die von den meisten akzeptierte Form ist.

Die Dialekte oder regionalen Umgangssprachen unterscheiden sich:

  • im Wortschatz, d.h. es gibt z.B. für den selben Gegenstand mehrere Bezeichnungen.
  • in der Grammatik, d.h. es werden manchmal andere grammatische Regeln benutzt
  • und vor allem in der Aussprache.

Unter folgender Webadresse finden Sie einige Kostproben ausgewählter deutscher Dialekte.

http://www.dw-world.de/dialektatlas

Sächsisch

Jetzt wollen wir Ihnen zeigen, welcher Dialekt Sie in Leipzig erwartet. Der Dialekt heißt Obersächsisch, aber alle nennen ihn Sächsisch. Er ist in Deutschland nicht sehr beliebt. Trotzdem klingt er ganz locker und gemütlich. Und wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, kann man ihn auch ganz gut verstehen.

Es gibt übrigens mehrere Varianten des Sächsischen: in Dresden und Chemnitz spricht man z.B. ebenfalls Sächsisch, aber es klingt ein wenig anders als in Leipzig.

10 typische Merkmale des Leipziger Sächsisch:

(Sächsisch gesprochene Beispiele in grün)

(1) Oft wird für mehrere Bedeutungen das gleiche Wort verwendet:

a) Tiger

b) Tücher

a) Lehm

b) Leben

c) Löwen

a) Regenwürmer kriechen

b) Regen werden wir kriegen.

(2) Sächsisch wird sehr langsam und melodisch gesprochen,
deshalb klingt es sehr gemiedlich (→ gemütlich).

(3) Sächsisch klingt insgesamt sehr ungespannt (ganz anders als die Standardaussprache?) – man sagt auch,
es klingt logger (→ locker), d.h.:

  • Die gespannten Konsonanten werden ungespannt gesprochen:
Babbe (→ Pappe)
  • Die gespannten und langen Vokale werden ungespannt gesprochen:

(4) Es gibt keine ö- und ü-Laute:

(5) Alle Laute werden sehr weit hinten im Rachen gesprochen – das hört man besonders bei den langen a-Lauten:

Ohmd (→ Abend)

(6) Die Diphthonge klingen anders:

nee (→ nein),
Boum (→ Baum),
Heiser (→ Häuser)

(7) Die Endungen

  • fallen manchmal komplett weg:
Farm (→ Farben)
  • werden manchmal auch zusätzlich angehängt:
     

(8) ich-Laut, st und sch-Laut werden alle als sch gesprochen:

(9) Die Konsonantenverbindung pf wird als f gesprochen:

Dobb (→ Topf),
Gobb (→ Kopf)

(10) Aus g wird ch: Daach (→ Tag) und aus b wird w: awer (→ aber)

Und zum Schluss:

Nicht alle Menschen in Sachsen sprechen einen sehr starken sächsischen Dialekt, aber Sie werden sicher viele Menschen treffen, die so sprechen.

Denken Sie daran: Sie müssen diesen Dialekt nicht selber sprechen, aber Sie sollten sich bemühen, ihn zu verstehen. Und wenn Sie sich erst ein wenig daran gewöhnt haben, ist das gar nicht mehr so schwierig.

Erstellt von Kerstin Reinke, Herder-Institut (Universität Leipzig)

Zuletzt geändert: Donnerstag, 8. Mai 2014, 12:43