Phonetik (Thema 9.2): Emotionale Sprechweise

Erklärungen und wichtige Regeln

Wie in jeder Sprache, kann man auch im Deutschen hören, welche Emotion jemand beim Sprechen hat.

Normalerweise hören wir in unserer Muttersprache ziemlich genau, ob unser Gesprächspartner gerade traurig, fröhlich oder wütend ist. Sogar bei Telefongesprächen, wenn wir den anderen nicht sehen, merken wir es an der Art, wie er spricht.

In einer Fremdsprache, die uns noch nicht so vertraut ist, haben wir aber manchmal Probleme, die Emotionen richtig zu hören. Das liegt daran, dass zum Ausdrücken bestimmter Emotionen zum Teil andere Möglichkeiten benutzt werden.

Sie haben in den ersten Lektionen schon gelernt, dass die Melodie wichtig ist, um Höflichkeit (auch Freundlichkeit) und Sicherheit (auch Kompetenz) auszudrücken. Aber auch andere Besonderheiten der Artikulation spielen eine Rolle.

In einer Fremdsprache erlernen Sie zuerst meistens Regeln für eine Aussprache, die ziemlich neutral ist. Diese Regeln gelten, wenn Sie sachlich und nicht besonders gefühlsbetont sprechen. Damit werden Sie meistens überall verstanden.

Beim emotionalen Sprechen ändern sich aber einige Merkmale der Sprechweise, z.B. spricht man höher, lauter und schneller als normalerweise.

Feste Regeln für die emotionale Sprechweise gibt es nicht, weil es nicht nur eine Möglichkeit gibt, eine Emotion auszudrücken. Aber die folgenden Hinweise (die nicht absolut zu verstehen sind) zu ausgewählten Emotionen und die gesprochenen Beispiele können Ihnen helfen, Besonderheiten der deutschen emotionalen Sprechweise zu erkennen. Sie sollten sich die Hinweise durchlesen und sich die Beispiele dazu mehrmals anhören, Dadurch werden Sie sicherer im Erkennen der emotionalen Sprechweise und auch in der Verwendung dieser Sprechsweisen.

Regeln

(1) Für sachlich- neutrales Sprechen gelten alle Regeln zur Akzentuierung, Pausierung , Melodie und Aussprache der Vokale und Konsonanten, die Sie in diesem Kurs gelernt haben.

Beispiel: Für die Mensa müssen Sie sich eine Chipkarte kaufen.

(2) Nachdrückliche Sprechweise:

Man spricht z.B. nachdrücklich, wenn man besonders auf die Bedeutung und Wichtigkeit des Gesagten hinweisen will. Dies tun z.B. oft die Dozenten in der Vorlesung, die Ihnen etwas Neues, Interessantes und Wichtiges erzählen.

Man spricht:

  • sehr deutlich und mit vielen betonten Silben
  • langsamer
  • lauter
  • mit starkem Fall der Melodie am Satzende.

Beispiel: Für die Mensa müssen Sie sich eine Chipkarte kaufen.

(3) Unentschlossene/ unsichere Sprechweise:

Wenn man so in einer offiziellen Situation spricht (z.B. in einem Vortrag) wirkt man meistens sehr unsicher und auch wenig kompetent.

Man spricht:

  • ein wenig monotoner, d.h. die Melodie ist nicht sehr lebhaft
  • mit fast gleichbleibender Melodie am Äußerungsende
  • nicht so laut
  • relativ langsam

Beispiel: Die Definition steht in diesem Buch.

(4) Ironische Sprechweise

Ironie erkennt man meist schwer, weil es keine eindeutigen Regeln für die Sprechweise gibt.

Ironisch wirkt zum Beispiel:

  • wenn der Inhalt der Äußerung nicht mit der Form zusammen passt
  • wenn die Äußerung übertrieben klingt

Beispiel: Sie haben Ihr Studium hervorragend abgeschlossen.

(5) Freundliche/ erfreute/ fröhliche Sprechweise:

Diese Sprechweise wirkt meistens sehr kontaktbetont und höflich.

Man spricht:

  • mit höherer Stimme
  • mit starker Melodiebewegung und mit steigender Satzendmelodie
  • mit größerer Lautstärke
  • schneller
  • mit größerer Sprechtempovariation
  • mit deutlicherer Artikulation
  • mit klarer Stimme

Beispiel: Sie haben Ihr Studium hervorragend abgeschlossen.

(6) Ärgerliche/ wütende Sprechweise:

Diese Sprechweise wirkt auch sehr unfreundlich.

Man spricht:

  • manchmal insgesamt mit höherer oder tieferer Stimme
  • mit geringerer Melodiebewegung
  • mit größerer Lautstärke
  • schneller
  • mit geringerer Sprechtempovariation
  • mit deutlicherer Artikulation
  • mit entweder dumpfer, gepresster oder auch klarer Stimme

Beispiel: Die Vorlesung hat schon angefangen.

(7) Traurige/ enttäuschte Sprechweise:

Man spricht:

  • insgesamt etwas tiefer
  • mit geringerer Melodiebewegung
  • mit geringerer Lautstärke
  • langsamer
  • mit mehr Pausen
  • eher undeutlich

Beispiel: Ich hab die Prüfung nicht bestanden.

(8) Ängstliche Sprechweise:

Man spricht:

  • insgesamt etwas höher
  • mit steigender Melodie
  • leiser, mit wenig Lautstärkevariation
  • schneller

Beispiel: Ich muss die Prüfung bestehen.

Erstellt von Kerstin Reinke, Herder-Institut (Universität Leipzig)

Zuletzt geändert: Dienstag, 13. Mai 2014, 14:59